15.04.2015

«Die Stadtbibliothek ist auch mit einem Bildungsauftrag verbunden»

Porträtbild Markus Buschor

Die St.Galler «Buchlandschaft» ist vielfältig, mehrschichtig und wird durch verschiedenste Akteure geprägt, die wir in loser Folge vorstellen. Dieses Mal steht die städtische Bibliothekslandschaft im Fokus. Mark Besselaar von Buchstadt St.Gallen im Gespräch mit Markus Buschor, der seit dem 1. Januar 2015 verantwortlicher Stadtrat für die Stadtbibliothek ist.

Herr Buschor, seit dem 1. Januar 2015 sind Sie politisch für die Stadtbibliothek an der Katharinengasse und für einen Teil der Bibliothek in der Hauptpost verantwortlich. Über Nacht sind Sie so zum obersten Hüter von rund 100’000 Medien geworden. Hat das Ihre Lust zum Lesen gesteigert?
Lust zum Lesen brauche eigentlich schon berufshalber in meiner Tätigkeit als Stadtrat, da gibt es viele Akten, die ich tagtäglich durcharbeiten muss. Meine Leselust muss ich eigentlich nicht mehr steigern, denn ich lese leidenschaftlich gerne. Das hat nicht – wie es bei anderen vielleicht der Fall ist – in meiner Kindheit angefangen, sondern erst seit dem Architekturstudium. Ich muss aber hinzufügen, dass ich für Bibliotheken kein guter «Kunde» bin, ich muss ein Buch benutzen können, damit arbeiten sozusagen, hier und da mal eine Anmerkung hineinschreiben können oder etwas markieren. Das kann man mit einem Bibliotheksbuch weniger gut. Bei mir steckt auch noch eine Sammelleidenschaft dahinter. Aber selbstverständlich habe ich eine riesige Freude daran, dass ich für die Stadtbibliothek verantwortlich sein kann und darf.

Lesen resp. die Förderung der Lesekompetenz ist ein wichtiges Standbein des Bildungskonzepts. Sind mit der Eingliederung der ehemaligen Freihandbibliothek in das Schulamt dazu nun bessere Voraussetzungen geschaffen worden? Wo sehen Sie die Chancen der spezialisierten Positionierung der Stadtbibliothek Katharinen als Kinder- und Jugendbibliothek?
Die Stadtbibliothek stellt nicht nur eine kulturelle Institution dar, sondern ist auch mit einem Bildungsauftrag verbunden. Das ist auch ein wichtiger Grund, warum die Stadtbibliothek in das Schulamt integriert wurde. Zusammen mit der Stadtbibliothek sind wir derzeit daran, eine Strategie für die Zusammenarbeit der Bibliothek mit den Schulen auszuarbeiten. Auch die Gegebenheit, dass in der Stadtbibliothek Katharinen jetzt auch «ein Schulzimmer» vorhanden ist, ist geradezu eine ideale Voraussetzung, um das vorhandenen Potenzial optimal zu nutzen. Die Förderung der Lese- bzw. Sprachkompetenz ist eine Kernaufgabe der Volksschule und der Bibliotheken. Ohne Sprachverständnis und die damit eng verbundene Lesekompetenz ist man eigentlich ziemlich hilflos und hat auch keinen Zugang zu anderen Bildungsangeboten.

Die «alte» Freihandbibliothek war familientauglich: Man konnte mit den Kindern zusammen hingehen, die Angebote für alle Altersgruppen fanden sich unter einem Dach. Jetzt ist das Angebot für Kinder/Jugendliche und Erwachsene räumlich getrennt – ist das nicht ein Rückschritt für die Attraktivität der städtischen Bibliothek?
Ich sehe dies klar nicht als einen Rück-, sondern als Zwischenschritt. Wir haben jetzt mit der Bibliothek in der Hauptpost einen grossen Sprung vorwärts machen können. Aber zugegebenermassen ist dieser Vorwärtsschritt mit dem «Makel» der Trennung der Stadtbibliothek auf zwei verschiedene Orte behaftet. Es war ein Abwägen zwischen Status Quo oder Weiterentwicklung. Das Raumthema steht bei solchen Entscheidungsprozessen sofort im Vordergrund. Mein Ziel ist aber klar, dass das Provisorium in der Hauptpost in absehbarer Zeit durch eine Gesamtlösung, wie sie ursprünglich auch angedacht worden ist, abgelöst wird und wir beide Bibliotheksteile zusammenführen können. Die Realisierung der New Public Library steht bei mir hoch auf der politischen Traktandenliste. Es ist jedenfalls erfreulich, dass die ersten Reaktionen auf die Bibliothek in der Hauptpost sehr positiv sind. Mit der offiziellen Wiedereröffnung der Stadtbibliothek Katharinen als Kinder- und Jugendbibliothek steht ein vielseitiges und einmaliges Angebot für Kinder und Jugendliche, sowie auch für Erziehende und Lehrpersonen zur Verfügung.

Die Bibliotheken sind momentan gefordert, mehr als nur Orte der Nutzung und Ausleihe von Medien zu sein. Sie werden zusehends bunter, multi-medialer und multi-kultureller. Verlieren wir dadurch nicht die eigentliche Aufgabe von Bibliotheken, nämlich das Sammeln, Archivieren, Ordnen und Verfügbarmachen, aus dem Auge? Wie sehen Sie die Zukunft der «Bibliothekslandschaft»?
Es stimmt, dass die «Bibliothekslandschaft» schon seit einiger Zeit ziemlich in Bewegung ist. Nicht zuletzt auch wegen der Bibliotheksinitiative und der daraus hervorgegangenen Bibliotheksstrategie des Kantons. Man muss aber auch sehen, dass der Bibliotheksauftrag der Stiftsbibliothek, der Vadiana oder der Kunstbibliothek ein anderer ist als jener der übrigen Bibliotheken in der Stadt und in der Region.
In dieser Hinsicht finde ich es wichtig zu betonen, dass z.B. bei der Stadtbibliothek die Ausleihzahlen für Bücher nach wie vor zunehmen. Und dies trotz neuen Medien. So kommt man eigentlich gar nicht in Versuchung, das klassische Buch zu vernachlässigen. Ich war übrigens über diese Tatsache erstaunt. Darum kann man nicht sagen, dass wir die Kernaufgabe des Buchverleihs, aus den Augen verlieren werden. Handkehrum stimmt es aber schon, dass die Bibliothek Aufgaben bekommen hat und wahrnehmen muss, die über den Buchverleih hinausgehen. Dies ist auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek eine echte Herausforderung. Ich finde es sehr wichtig, dass wir diesbezüglich eine klare Haltung einnehmen und eine klare Strategie verfolgen. Das heisst u.a., dass die Bibliothek nicht zu einer Art «Jekami – Ort» mutiert. Die neuen Medien muss man annehmen, aber es geht doch auch darum, wie wir den Umgang damit gestalten.

Die Bibliothek in der Hauptpost ist vorläufig als Provisorium gedacht. Die Umsetzung der Idee einer «New Public Library» nach angelsächsischem bzw. holländischem Beispiel, steht noch bevor. Hat St.Gallen das Potenzial für eine solche Bibliotheksform und wie können die kulturellen Institutionen in der Stadt, aber auch in der Region davon profitieren?
St.Gallen will Buchstadt sein. Das Potenzial für eine «Buchstadt St.Gallen» ist doch dort angesiedelt, wo wir auch eine Basis haben: die verschiedenen Bibliotheken, die kleinen Verlagsgesellschaften, das Renommee in der Typographie. Nicht nur der Stiftsbibliothek als Bücher-Leuchtturm gebührt Aufmerksamkeit. Wir müssen diese Aufmerksamkeit eben auch auf andere Institutionen und Kompetenzen lenken. Die Bibliothek in der Hauptpost, wenn sie dann einmal eine New Public Library ist, wird uns enorm dabei helfen, die Stadt St.Gallen als Buchstadt über ihre Grenzen hinaus zu transportieren. Das Potenzial ist meines Erachtens klar vorhanden. Eine Aufgabe der New Public Library wird es auch sein, sich als eine Art Kompetenzzentrum für das Buch zu etablieren und ihr Know-how zur Verfügung zu stellen. Mit der kantonalen Bibliotheksstrategie, der es jetzt umzusetzen gilt, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung gemacht worden. Vielleicht liegt auch in der bevorstehenden Expo 2027 eine Chance, uns als Buchstadt zu positionieren. Auch an einer Landesausstellung soll für ein solches Thema Platz sein.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie sind von Haus aus Architekt mit Leib und Seele und haben sich u.a. auch zusammen mit dem Architekturforum Ostschweiz für die St.Galler Baukultur eingesetzt. Hat es Sie nicht gejuckt, die Bibliothek in der Hauptpost mitzugestalten?
Nein, überhaupt nicht. Ich staune selber darüber, wie ich mich vom «Architekt-Sein» habe verabschieden können. Die Architektur ist eine Phase in meinem Leben gewesen, die ich im Frieden mit mir selber zur Seite gelegt habe. Gewiss, es ist eine tolle Zeit gewesen. Ich mache meine jetzige Aufgabe jedoch mit Leib und Seele und brauche nicht noch die Architektur als «Nebengleis». Die Tatsache, dass ich mich als Stadtrat mit der Stadtentwicklung als ganzes auseinandersetzen darf, gibt mir Befriedigung genug. Wenn ich irgendwann einmal nicht mehr Stadtrat bin, werde ich voraussichtlich nicht mehr zur Architektur zurückkehren. Die Fotografie ist, nebst dem Lesen, eine Leidenschaft von mir. Ich kann mir gut vorstellen, dort weiterzumachen.

Herr Buschor, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Eröffnungsfest der neuen Kinder- und Jugendbibliothek Katharinen
am Samstag, 25. April 2015, 11 bis 15 Uhr
mit Geschichten, Medio-O-Mat, Bibiotheksrally, Gestalten mit alten Büchern, Icon Poet und vielem mehr!

Zur Person

Stadtrat Markus BuschorMarkus Buschor wohnt und arbeitet zusammen mit seiner Frau und drei Töchtern seit über 23 Jahren in St.Gallen. Nach dem Architekturstudium an der ETH in Zürich arbeitete er zuerst in verschiedenen Architekturbüros, bevor er sich in 1996 selbstständig machte. Er war Gründungsmitglied des Architekturforums, wo er sich für die St.Galler Baukultur eingesetzt hat. Zudem wirkte er 12 Jahre als Dozent für Architektonisches Entwerfen an der Universität Liechtenstein.
Im Jahr 2012 wurde er in den Stadtrat gewählt und übernahm am 1. Januar 2013 die Direktion Schule und Sport, zu der seit dem 1. Januar 2015 auch die Stadtbibliothek gehört.

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